Vor weit über tausend Jahren brauste die Isar wild und ungehindert in breiten Sandbeeten über die noch öden Gründe der heutigen Münchener Vorstadt Au hin, während auf den östlichen Uferhöhen bereits blühende Ortschaften wie Giesing, Perlach, Haidhausen und Bogenhausen bestanden. Erst im 12. Jahrhundert wurde am Nordende der Vorstadt eine kleine Jägerhütte errichtet. Dieses Häuschen, dessen Bewohner über Holz und Wild die Aufsicht führten, befand sich ungefähr auf jener Anhöhe gegenüber dem Volksbade, wo sich heute die Schwanenapotheke befindet. In späterer Zeit entstand da und dort auch einen armselige Fischerhütte.
So gingen viele Jahrhunderte durch das Land, bis im Jahre 1463 die Isar in noch nie bemerkter Gewalt aus ihren Ufern trat. Wild stürmten die brausenden Fluten dahin und drohten Hab und Gut der Fischer, Jäger und anderen wenigen Ansiedler zu zerstören. Die Bewohner der Gegend sammelten sich und erflehten in lautem Gebet Rettung aus der drohenden Gefahr; aber immer höher schwollen die Fluten. Als die Gefahr aufs höchste stieg, begannen die Leute wiederum laut zu beten. Dabei bemerkten sie ein Kruzifix, das auf der Isar herunterschwamm und auf einer Sandbank liegen blieb. Nun gelobten die Leute für den Fall der Abwendung der Gefahr, an dieser Stelle ein Kirchlein zu errichten und das herabgeschwommene Kreuz auf den Altar zu setzen. Die Fluten gingen auch wirklich zurück. Bald wurde das Kirchlein erbaut und bereits im Jahre 1466 dank der Hilfe frommer Wohltäter vollendet. Im selben Jahre weihte es Bischof Johann von Freising zu Ehren des heiligen Kreuzes ein. Nicht lange dann erbauten in nächster Nähe des Kirchleins wohlhabende Münchner Patrizier schöne Landhäuser, die Herzöge Wilhelm IV. und Wilhelm V. errichteten das Jagdschloß Neudeck, auch Gewerbetreibende siedelten sich an und so entstand, nachdem durch Wehranlagen bei Harlaching auch die Überschwemmungsgefahr der Isar verringert war, alsbald eine stattliche Siedelung, die heutige Au.
Quelle: Willy Rett, Originalbeitrag.
Altbayerische Sagen, Ausgewählt vom Jugendschriften-Ausschuss des Bezirkslehrervereins München, München 1906.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2013.
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